Hinduismus als lebensweltlich geformter Gesamtkomplex



Nepal ist ein Land, in dem viele Religionen anzutreffen sind, wobei hinduistische Vorstellungen, Rituale und Praktiken eine dominante Rolle spielen. Die Mehrheit der Bevölkerung bekennt sich zum Hinduglauben (hindu dharma) und gemäß der Verfassung ist Nepal nach wie vor ein erklärtes Hindu Königreich. Da die Religion in sämtlichen Lebensbereichen präsent ist und das Leben und die Beziehungen der Menschen zueinander beeinflußt, soll hier kurz auf diesen komplexen Zusammenhang eingegangen werden. Hinduismus in Nepal bietet ein uneinheitliches, oftmals verwirrendes Bild, das viele Dinge umfaßt. Die Konfusion des Betrachters rührt daher, daß es »den Hinduismus« als eine in sich geschlossene Religion nicht gibt:
»The Nepali word for Religion is dharma, which also means duty, ethics, morality, rule, merit and pious acts. Therefore, when Nepalis discuss religion they understand it with a broader meaning than is usually applied in the West. Hinduism is the official religion of Nepal. The label Hinduism is applied broadly to many religious systems in southern Asia, east of the Indus. In Nepal, Hinduism includes Shamanism, and hence religions derived from the early Gopal and Kirat traditions, as well as Brahmanism, the version of Hinduism brought from India.« (Bista 1991, 30)
Im nepalischen wie vermutlich im gesamten asiatischen Kulturkreis geht es im Zusammenhang mit Religion in erster Linie um spirituelle Erfahrung, nicht darum, was man glaubt. Für Hindus sind doktrinäre Fragen von geringer Bedeutung. Hindus glauben viele unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Dinge, ohne daß sich jemand daran stört. Hinduismus umfaßt das gesamte Leben eines Menschen, mit einer starken Betonung auf sozialer Konformität. Hindu ist man aufgrund seiner sozialen Praxis, nicht weil man dies oder jenes glaubt.
Während im Westen verschiedene Lebensbereiche zunehmend voneinander getrennt werden, z.B. der Lern- und Arbeitsbereich vom Wohnen, Religionsausübung von anderen Freizeitaktivitäten, definiert Religion für einen Hindu sämtliche Lebensbereiche. Sie entscheidet darüber, wer und wann geheiratet wird, was gegessen wird, wann eine Reise angetreten und mit wem Gemeinschaft gepflegt wird. Durchgängige hierarchische Strukturen des Hinduismus oder Autoritätsfiguren, die sagen würden, »dies ist es, was du zu glauben oder zu tun hast« gibt es nicht. Wenn man in Nepal umherreist, stellt man fest, daß die Menschen unterschiedliche religiöse Vorstellungen, Gebräuche und Gepflogenheiten haben, selbst wenn sie sich alle als Hindus begreifen.
Die Art und Weise in der sich die Verbreitung des Hinduismus in Nepal vollzog, hat Einfluß auf dessen konkrete Ausformung genommen. Auf ihrer Wanderung quer durch Nordindien und von dort in den Süden, kamen die Hindus in Kontakt mit anderen Völkern, welche dann nach und nach zu Hindus wurden. Dies geschah nicht durch Konversion, bei der man die eigenen Glaubensgrundsätze verläßt und einen anderen Glauben annimmt, sondern im gegenseitigen Austausch, durch Übernahme, Übergabe und Integration bestimmter Traditionen. (vgl. Bista 1991, 32ff.) Hinduvorstellungen einer hierarchischen Einteilung der Gesellschaft in Kasten waren zunächst unbekannt und fanden nur allmählich über die Zuwanderung der indo-arischen Volksgruppen in Nepal Verbreitung, wodurch sich einige diesbezügliche Besonderheiten erklären.
Es gibt zwei typische Annäherungen an die Frage des Kastenwesens in Nepal. Die erste folgt der klassischen Einteilung in vier Hauptgruppen (varna) und ordnet alle Kasten und Ethnien einer dieser Hauptgruppen zu. Dieses varna-bezogene Erklärungsmodell beruht auf einer rigiden Struktur. Es ist eine Adaption des indischen Verständnisses und im Kontext des nepalischen Kastenwesens nur bedingt anwendbar, denn in Indien hat sich – historisch bedingt durch Heirat zwischen verschiedenen Kasten und Entstehung neuer Berufe – eine Multiplikation und Ausdifferenzierung der Kasten ergeben, die es in Nepal nicht gibt. Will man dem varna-Modell trotzdem folgen, so ist man gezwungen, alles vorgefundene empirische Material zu den jeweiligen Kasten und Bevölkerungsgruppen in diese vier Kategorien einzuordnen, varna-untypische Phänomene hingegen zu ignorieren und unberücksichtigt zu lassen.
Der zweite Erklärungsansatz läßt sich als anthropologische Annäherung bezeichnen. Der Anthropologe geht in ein isoliertes Gebiet oder Dorf, konzentriert sich auf das Studium einer bestimmten ethnischen Gruppe, z.B. der Gurung, Limbu, oder Rai, und beschreibt deren kulturelle Tradition und Gebräuche im Detail. Dabei geschieht es fast unausweichlich, daß alles, was entfernt an Hinduismus erinnert, als Einfluß von außen interpretiert wird. Man endet leicht in einer Hindu/Nichthindu-Dichotomie, die ebenfalls den Bedingungen Nepals nicht entspricht.
Will man die hier grob skizzierten Unzulänglichkeiten der beiden Erklärungsmodelle vermeiden, so bietet sich als dritte Möglichkeit eine historische Annäherung an, die sich auf die Besiedlungsgeschichte des Landes bezieht und den Prozess beschreibt, in dem sich die Eroberung und Vereinigung des Landes vollzog. Die Besiedlungsgeschichte Nepals reicht sehr weit zurück und ist nur in Teilen bekannt. Man weiß, daß die gesamte Bergregion schon in prähistorischen Zeiten von ethnischen Gruppen bevölkert war. (Bista 1991, 14ff.) Im Osten z.B. lebten Rai, Limbu und Sherpa, in der mittleren Bergregion nördlich von Kathmandu Tamang, weiter westlich Gurung und Magar, an der nördlichen Grenze tibetische Volksstämme und im Tarai z.B. die Tharu, um nur einige der zahlreichen schon frühzeitig dort ansässigen Bevölkerungsgruppen zu nennen. Die hier genannten Ethnien sind überwiegend mongolischen bzw. tibeto-burmesischen Ursprungs. Einige kamen von Tibet, bei anderen weiß man es nicht so genau. Sie ließen sich in den Bergen nieder, vorzugsweise in den höheren Lagen.
Auf diese Weise entstanden »kulturgeschichtliche Stockwerke«, wie sie von Heuberger beschrieben werden. (vgl. Heuberger in: Rathjens et al. 1973, 31-39) Mit zunehmender Besiedelung des Landes erfolgte eine Zuwanderung auch in weiter südlich und etwas tiefer gelegene Gebiete. Die andere große Besiedlungsbewegung fand viel später vom Westen her statt und betrifft drei Gruppen indoarischen Ursprungs: Khas, Rajputs und Brahmanen. In der Zeit Pritvi Narayan Shahas hatten diese Gruppen bereits die gesamte Bergregion in Ost-West Richtung besiedelt. Damit wurde es ihm später möglich, das Land auf der Grundlage der eigenen Sprache zu vereinigen. Diese vom Westen her zugewanderten indo-arischen Gruppen brachten ihre eigenen religiösen Gebräuche mit und begannen, sich mit den ansässigen Gruppen auszutauschen.
Vor allem die Brahmanen verfügten über höhere Bildung als die oben genannten Bergstämme und beeinflußten jene mit ihrer Sprache, Religion und Kultur. Dieser Prozeß wird in der Literatur als »Hinduisierung« oder »Sanskritisierung« bezeichnet. Kulturelle Mischformen entstanden und bestimmten das Bild, das sich den Truppen Pritvi Narayan Shahs bot, als sie sich anschickten, von Gorkha aus in kriegerischen Feldzügen das Land zu vereinen. Nachdem sie das Kathmandutal erobert hatten, ein Unternehmen, das mit Unterbrechungen und verschiedenen Anläufen 26 Jahre dauerte, erfolgte eine rasche Expansion bis zum Jahre 1811. Da die herrschende Aristokratie hohen Hindukasten angehörte und die einzigen Gesetze, die sie kannte, Hindugesetze waren, versuchte sie, jene zur Grundlage ihrer Herrschaft zu machen. Folgende Prinzipien waren in diesem Zusammenhang von Bedeutung: die Unterscheidung von rituell »rein« (choko) und »unrein« (chuto). Brahmanen standen an der Spitze der Kastenhierarchie und waren somit rituell von »höchster Reinheit«.
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