Buchbesprechungen

Gossner Mission Information, 3/2000

"Asien" - Deutsche Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur, Nr. 79, 4/2001

Karl-Heinz Kraemer (english)



 

aus: Gossner Mission Information, 3/2000




Eine Warnung zuvor – nicht nur an Leute vom Fach: wer zu diesem Buch greift, legt es nicht ungelesen wieder aus der Hand!

Bildung ist das Zauberwort in den Entwicklungsländern. Wie kein anderes verheißt es den Einzelnen wie ganzen Nationen den Sprung aus der Armut. Doch wie berechtigt sind die Hoffnungen? Wie gerechtfertigt die Opfer? Wie unabdingbar die Rahmenbedingungen?

Thomas Döhne geht diesen und ähnlichen Fragen am Beispiel Nepals nach. Er beschreibt den Auf- und Ausbau des öffentlichen Schulwesens, exemplarisch für die bäuerlich geprägte Bevölkerung an Hand von drei Dorfschulen im Bergdistrikt Okhaldunga. Er hat dort lange Jahre gelebt und für die UMN gearbeitet. Seine detaillierten und anschaulichen Beschreibungen der dörflichen Sozialstruktur, des Interessengeflechtes von Schulträgern und Lehrern, des finanziellen und organisatorischen Dilemmas, bei steigenden Schulzugängen die Qualität der Bildung zu gewährleisten, erweisen ihn als profunden Kenner und gewähren einen tiefen Einblick in das harte Leben hinter idyllischen Bergkulissen. Der Kampf um Schulbildung wird besonders eindrucksvoll in zahlreichen Portraits von Schülern und insbesondere Schülerinnen.

Von den allesamt nachdenkenswerten „Schlussfolgerungen“ (S.279ff) sei nur hervorgehoben: Das nepalesische Schulsytem ist auf mechanische Wissensanreicherung hin ausgerichtet und orientiert demgemäß auf die Abschlussprüfung (SLC), die Eintrittskarte zu einer Karriere jenseits bäuerlicher Existenz. Da nur relativ wenige dieses Ziel erreichen, überwiegt die Erfahrung schulischen Misserfolges. Die SchülerInnen können zwar nun (als Beiprodukt) Lesen, Schreiben, Rechnen, ihnen fehlt aber „ein Teil des lebenspraktischen Wissens, sowie die Kraft und Ausdauer, um in der bäuerlichen Subsistenzökonomie des Dorfes ihren Platz zu finden“(294). Auf der anderen Seite kommt es zum Abzug von Intelligenz aus den ländlichen Regionen. Zur Diskussion steht damit ein am Westen orientiertes Bildungsverständnis, das sich gegenläufig zu den Bedürfnissen und Erfordernissen ländlicher Subsistenzwirtschaft verhält. Diese ist aber von unzähligen sozialen und ökologischen Kreisläufen abhängig. Sie gilt es zu stärken. Schulische Bildung muß dafür Verständnis und Einsichten wecken. Die spannende Frage bleibt: Wer macht's? Das vorliegende Buch beschreibt akribisch genau den Regelkreis der Interessen am gegenwärtigen Schulsystem. Ihn zu verstehen, sollte ein wichtiger Schritt sein, um ihn zu ändern. In Nepal und anderswo. Auch bei uns.

Wolfgang Geller

 

aus: "Asien", 4/2001

Diese Studie von Thomas Döhne (Dissertation Universität Frankfurt/M. 1999) untersucht Probleme ländlicher Schulerziehung im Rahmen des ostnepalischen Gebirgsdistrikts Okhaldhunga. Nach einer Einführung in Forschungsmethode und landesspezifische Hintergründe beschreibt der Autor die historische Entwicklung und Struktur des öffentlichen nepalischen Schulwesens. Einer kurzen Beschreibung der Gegebenheiten des Untersuchungsgebiets schließen sich ausführliche Untersuchungen der drei Highschools von Ohaldhunga Bazar, Rampur und Umbu an. Der Autor setzt dabei Fragen von Ethnizität und Bildungsproblematik in einen sachlichen Zusammenhang, ein Aspekt, der bisher in der gesellschaftlichen Forschung zu Nepal recht wenig Beachtung gefunden hat.
Die Bevölkerungsstruktur des Okhaldhunga-Distrikts kann als beispielhaft für den gesamten Staat Nepal angesehen werden, insbesondere für seine ländlichen Regionen. Die im November 1990 eingeführte neue Verfassung erkennt die Multiethnizität als ein wesentliches Merkmal des nepalischen Staates an. Regierung, Verwaltung und politische Parteien sind aufgefordert, die konstitutionell garantierte Gleichheit aller Bürger unabhängig von Religion, Rasse, Geschlecht, Kaste, Stamm oder ideologischer Überzeugung (Artikel 11 der Verfassung) zu verwirklichen. Zahlreiche Statistiken und ethnologische Studien belegen, daß die tatsächlichen Gegebenheiten auch zehn Jahre nach der Einführung der neuen Verfassung nur wenig diesen holden Idealen angepaßt wurden. Ethnische Organisationen, welche die Verwirklichung von Presse-, Meinungs- und Organisationsfreiheit nutzen, haben in den 1990er Jahren systematisch die diesbezüglichen Mißstände aufgewiesen. Doch die Regierung und die für den legislativen Prozeß verantwortlichen politischen Parteien haben bisher keine ernsthaften Veränderungen eingeleitet.
Eine Folge des Engagements ethnischer Organisation ist jedoch die deutliche Bewußtseinszunahme der Angehörigen sowohl ethnischer Gruppen als auch sogenannter unberührbarer Hindukasten (dalits). Ganz offensichtlich nimmt dieses Bewußtsein mit dem Grad der Bildung zu. Doch Bildung erfüllt eine Doppelfunktion im modernen Nepal. Sie ist nicht nur der Vermittler ethnischen Bewußtseins, sondern sie wird auch von der traditionellen Staatselite, die sich aus den hohen Hindukasten der Brahmanen und Chhetri sowie einer Oberschicht der Newar rekrutiert, genutzt, um den status quo der eigenen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Dominanz zu bewahren.
Thomas Döhne trägt mit seinen Vor-Ort-Beschreibungen zu einem gründlichen Verständnis dieses Widerspruchs bei. Sichtweisen und Erfahrungen beteiligter Akteure und Betroffener werden als zentrale Bezugspunkte genutzt, um zu qualitativen Erkenntnissen und Aussagen über das Erziehungsgeschehen im ländlichen Raum Nepals zu gelangen. Die zahlreichen Fallbeispiele der drei Highschools und die Portraits von Schulabgängern dieser Schulen helfen, die aktuellen Probleme ländlicher Schulerziehung darzustellen und zu analysieren.
Es wird belegt, daß die Dominanz der traditionellen Staatselite in der Gründungsgeschichte aller drei Schulen ihre Spuren hinterlassen hat und daß sie bis heute im Schulalltag präsent ist. Dabei zeigt sich, daß bestimmte Bevölkerungsgruppen - die tibeto-mongolischen Ethnien und in noch stärkerem Maße die nach wie vor als unberührbar geltenden hinduistischen Berufskasten - hinsichtlich ihrer Teilnahme und Erfolgsaussichten im bestehenden nepalischen Schulsystem benachteiligt sind (S. 279).
Die sozio-kulturelle Herkunft der Schüler entscheidet auch darüber, ob das in der Schule vermittelte Wissen sinnvoll in den sonstigen Lebenszusammenhang integriert werden kann. Darüber hinaus weist Döhne sozio-ökonomische und geschlechtsrollen-spezifische Ungleichheiten nach. Ersterer Aspekt ist hinsichtlich der Berufskasten besonders ausgeprägt und wird durch die soziale Stigmatisierung und Ausgrenzung dieser Kasten noch verstärkt. Die wirtschaftliche Not zwingt zur Suche nach Alternativen; oft brechen im Falle schulischen Mißerfolgs für die betroffenen Schüler Welten zusammen. Die starke Benachteiligung der Mädchen, ein in der gesamten nepalischen Gesellschaft verbreitetes Phänomen, spiegelt sich auch in den öffentlichen Bildungsbereichen wider. Sie ist vor allem bei den Kastenhindus anzutreffen, wo die untergeordnete Stellung der Frau ideologisch-religiös begründet wird und fest im Denken verankert ist. Den relativ häufigeren Schulbesuch der Mädchen aus den sogenannten hohen Hindukasten führt Thomas Döhne weniger auf eine Aufhebung der Geschlechtsrollen-Disparität zurück als vielmehr auf dadurch verbesserte Heiratschancen und eine Statusaufwertung des zukünftigen Mannes (S. 281). Diese geschlechtsspezifische Chancenungleichheit zeigt sich auch darin, daß die Eltern Mädchen im Gegensatz zu Jungen fast nie die Gelegenheit zur Wiederholung einer nicht bestandenen SLC-Prüfung (Abschlußprüfung nach dem 10. Schuljahr) einräumen.
Hochkastigkeit und schulische Erfolgsaussichten stehen offensichtlich in enger Beziehung zueinander; die sozialen Normen und Werte an den Schulen sind ganz auf die hohen Hindukasten zugeschnitten. Die meist hochkastigen Lehrer interpretieren dieses Phänomen jedoch in ethnozentrischer Weise mit der höheren Intelligenz der Brahmanen- und Chhetri-Kinder. Verstärkt wird dieses Bildungsgefälle ferner durch die ausschließliche Verwendung von Nepali, der Muttersprache der Hindukasten, als allgemeine Unterrichtssprache.
Dieses interne Bildungsgefälle entlang der Markierungslinien von Geschlecht und Kaste/Ethnizität hat Döhne an allen drei untersuchten Schulen festgestellt. Darüber hinaus sind aber auch Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen deutlich geworden, die in den jeweils dort vorherrschenden sozio-kulturellen Milieus begründet sind.
Die Situation der Schulen im ländlichen Raum unterscheidet sich in mancher Hinsicht deutlich von der urbaner Schulen. So kann schon der Ausfall eines einzigen Fachlehrers die ordnungsgemäße Erfüllung des Lehrauftrags in Frage stellen. Ferner hat die Einbindung der Schüler in familiäre Arbeitsprozesse eine sehr unregelmäßige Unterrichtsteilnahme zur Folge. Auch die Entfernung der Schule vom Wohnort beeinflußt die Chancen auf einen schulischen Erfolg.
Ein ganz besonderes Problem aber sind die Diskrepanzen zwischen den schulischen Lerninhalten und den praktischen Bedürfnissen im ländlichen Raum. Durch kulturelle Überlieferung und lokale Erfahrung erworbenes Wissen allein reicht heute nicht mehr aus, um im ländlichen Raum zu überleben, wo zunehmend spürbare Veränderungsprozesse die lokalen und historisch gewachsene Sozialstrukturen hinwegspülen.
Thomas Döhne sieht die ländliche Schulerziehung in einem Dilemma. Sie soll zukunftsorientiert sein und auf Veränderungsprozesse vorbereiten; letztere vollziehen sich jedoch so rasch, daß alle Beteiligten überfordert sind. Die Schulerziehung ist ausschließlich auf das Bestehen des SLC-Examens ausgerichtet und "an einem linearen Denken orientiert, dessen Kennzeichen individueller Wettbewerb, Konkurrenz und Auslese, Erziehung zu Pünktlichkeit und die Aneignung registerartig aufbereiteten Wissens ist. Eine solche Ausrichtung beansprucht Zeit, Energie, Geld und andere Ressourcen, gibt jedoch nur wenig an die lokale Ökonomie und die dörfliche Gemeinschaft zurück" (S. 299-300). Da sie das in der Schule erworbene Wissen im dörflichen Rahmen nicht anwenden können, bleibt den Jugendlichen nur eine Abkehr vom Dorf und die Suche nach einer bezahlten Anstellung außerhalb.
Die Untersuchung von Thomas Döhne besticht in ihren tiefgehenden Bewertung der Situation an den drei Schulen des Okhaldhunga-Distrikts. Eine langjährige Projektarbeit im Distrikt und spätere wiederholte Besuche ermöglichten eine vergleichende Analyse über einen längeren Zeitraum. Die fundierten Nepali-Kenntnisse des Autors erlaubten direkte Kontakte zu den zahlreichen Interviewpartnern. Besonders lobenswert möchte ich auch die Einbindung vieler nepalischer Begriffe hervorheben, wobei die uneinheitliche Verwendung von gesprochenem und Schrift-Nepali kaum einen Abbruch tut. Fazit: Thomas Döhne ist es mit seiner Dissertation gelungen, die besonderen Zusammenhänge von Bildungswesen, Kaste/Ethnizität und Zukunftschancen in Nepal zu veranschaulichen. Darüber hinaus vermittelt er wertvolle Einblicke in grundsätzliche Probleme des ländlichen nepalischen Schulwesens.


 

Dilemmas of Rural Education

By Karl-Heinz Kraemer


Rural secondary school education in the Eastern Nepali district of Okhaldhunga is the focus of a book recently published in Germany by Thomas Doehne titled „Zwischen Bildungsgewinn und Erfahrungsverlust: Schulerziehung in einem Bergdistrikt Nepals.“ After a short introduction into the adapted research method the author describes the historical development and structure of the public school system in Nepal. The description of physical and social facts of the Okhaldhunga area is followed by detailed research on the three high schools of Okhaldhunga Bazar, Rampur and Umbu. The author presents a new perspective when linking education problems with aspects of ethnicity.
The population structure of Okhaldhunga district can be seen as representative for rural Nepal. The constitution introduced in November 1990 admits to multiethnicity as an essential aspect of the Nepali state. Government, administration and political parties are urged to implement the equality of all citizens irrespective of religion, race, gender, caste, tribe or ideology as guaranteed by article 11 of the constitution. But numerous statistics and anthropological studies have proved that the given facts in many respects still differ from constitutional ideals.
But ethnic and other social organizations have contributed to a greater awareness of people belonging to ethnic groups or the low Hindu castes (dalits). This awareness seems to be growing with the level of education. But education has a double function in modern Nepal. It is not only the agent of awareness but is also used by the traditional state elites to preserve their own political, social and economic privileges.
Doehne's area study illustrates this contradiction. Views and experiences of protagonists and those concerned contribute to qualitative findings and statements about education in rural Nepal. It proves that the dominance of the traditional state elite has left behind its traces in the foundation history of all the three schools, and that it has been present in the daily routine of the schools till today. It turns out that special population groups – the Tibeto-Mongolian ethnic groups and, even more, the occupational Hindu castes thought to be untouchables – are disadvantaged by the current Nepali school system in respect to participation and chances of success (p.279).
The socio-cultural background of the students is also decisive for the reasonable integration of the knowledge transferred by the school into the everyday conditions of life. Besides, Doehne proves the existence of socio-economic and gender-specific inequalities. The former aspect is especially distinct towards occupational castes. It is further intensified by the social stigmatization and exclusion of these castes. Economic plight forces the search for alternatives; often, the student's world collapses in the case of failure at school. The strong discrimination against girls, which is found in the whole Nepali society, finds its reflection in the field of public education. It is especially present among caste Hindus where the status of women is ideologically based on religious conceptions. Thomas Doehne explains the relatively higher school enrolment of girls from the so-called upper Hindu castes as stemming less from the lifting of gender specific conceptions but more from the calculation of the improvement of marriage chances and the status elevation of the future husband (p.281). The gender specific inequality is further proved by the fact that parents rarely give their daughters a chance to repeat a failed SLC exam.
Caste status and chances for success at school seem to be closely related; social norms and values at school are totally designed for the children from upper Hindu castes. The teachers, themselves mainly from high Hindu castes, interpret this phenomenon in an ethno-centric way in terms of the higher intelligence of Bahun and Chhetri children. This education differential is further intensified by the exclusive use of Nepali, the mother tongue of the Hindu castes, as the general medium of education. Doehne found this differential along the lines of gender and caste/ethnicity at all the three schools. But there were also differences between these schools based upon the respective socio-cultural milieu.
The situation of rural schools differs from that of urban schools in many respects. Foremostly, the involvement of the students in the working processes of their families leads to very irregular visit of school. Another important aspect for successful school attendance is the distance of the school from the student's house.
A very special problem lies in the discrepancies between the school curricula and the practical needs in the rural area. Knowledge derived from cultural tradition and local experiences alone is no longer sufficient for survival in the villages, where rapid processes of change wash away the local and historical social structures.
Doehne sees rural education as being in a dilemma. It should be oriented to the future to prepare for processes of change. But the latter happens so rapidly that all those involved cannot cope. School education is only aimed at the passing of the SLC exam. It is "oriented in a linear thinking, the characteristic of which is individual contest, competition and choice, education for punctuality, and the acquisition of knowledge presented in a register like way. This orientation requires time, energy, money and other resources, but it returns little back to the local economy and the village community" (pp.299-300). Since the youth cannot apply in the village what they have learnt at school, they have no other chance but to look for a job outside the village.
Doehne's research is impressive for its detailed analysis of the situation at the three schools in Okhaldhunga district. His many years of co-operation in a project and later repeated returns allow a comparative analysis over a longer period. The author's good knowledge of Nepali was a precondition for innumerable interviews. I found it especially laudable that Doehne has integrated numerous Nepali terms into the text instead of only using German or English translations. To sum up, Thomas Doehne managed to illustrate the interrelations between education system, caste/ethnicity and future perspectives in Nepal. Besides, he provides valuable insights into fundamental problems of the rural Nepali education system.

Thomas Döhne
Zwischen Bildungsgewinn und Erfahrungsverlust: Schulerziehung in einem Bergdistrikt Nepals.
Frankfurt: Brandes & Apsel, 2000
ISBN 3-86099-295-3.

(Karl-Heinz Kraemer is affiliated with the Department of Political Science,
South Asia Institute, University of Heidelberg, Germany)

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