Einstieg in die fremde Kultur als »Umstrukturierung
von Erfahrung«



Die wichtige Phase des Einstiegs, der ersten Begegnung und Konfrontation mit der fremden Kultur war zu Beginn der Untersuchung bereits vollzogen. Ich hatte mir wichtige Verhaltensmuster zu eigen gemacht, die bei der Bewältigung des Alltags nützlich waren und halfen, potentielle Reibungsflächen im Umgang mit meiner sozialen Umgebung – Nachbarn, Projektmitarbeitern, den Menschen im Untersuchungsgebiet und den Mitarbeitern der staatlichen Behörden – zu minimieren. Auch war ich bereits durch zahlreiche emotionale Höhen und Tiefen gegangen, die das Eintauchen in eine fremde Kultur zwangsläufig mit sich bringt. Ich hatte gelernt, mit der Künstlichkeit einer widerspruchsvollen Außenseiterrolle zu leben, in der man sich in einer von ökonomischer Marginalität und Armut geprägten Umgebung, sei es als Entwicklungshelfer oder Forschender aus Europa, unausweichlich befindet, da

»man gleichzeitig in zwei verschiedenen Welten des Denkens lebt, in Kategorien, Begriffen und Werten, die oft nur schwer in Einklang zu bringen sind. Zumindest zeitweise wird man zu einem, der – beiden entfremdet – gleichzeitig am Rande zweier Gesellschaften steht.« (Evans-Prichard 1978, 331)
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Zu Beginn der Feldforschung hatte ich den von Erdheim und Nadig beschriebenen Prozess der »Umstrukturierung« bereits durchlaufen. Arbeitsbedingte Aufenthalte im Untersuchungsgebiet lagen hinter mir und ich hatte das von Nadig beschriebene »Gefühl einer echten Teilnahme am Lebensraum der anderen« wiederholt an mir wahrgenommen, allerdings meist gepaart mit Gefühlen der Nicht-Teilhabe und des Ausgeschlossenseins. Mein Verhalten im Dorf hatte etwas von der Kantigkeit verloren, die bei Neuankömmlingen oftmals so augenfällig ist. Ich beherrschte die Praxis der Konventionen, Gesprächs- und Höflichkeitsrituale in einem Maße, das eine flüssige Kommmunikation erlaubte. Mein äußeres Erscheinungsbild hatte sich ebenso wie andere Aspekte meines Alltagsverhaltens, Sprache, Bewegung, Gestik und Eßgewohnheiten ein Stück weit an die örtlichen Gegebenheiten angepaßt, so daß ich bei aller übrigen Fremdheit eine Art Zwitterexistenz für die Einheimischen darstellte. Weder war ich einer der ihren, noch ihnen völlig fremd. Dies wurde an der relativen Unbefangenheit deutlich, mit der ich angesprochen und in stattfindende Gespräche einbezogen wurde.
Mein Erscheinen an öffentlichen Plätzen, im Bazar, in Teashops, an den Schulen oder in Dörfern der Umgebung hatte nichts Außergewöhnliches mehr an sich, sondern wurde eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Aus solchen Gründen war es mir möglich, mich ohne viel Aufhebens in der näheren Umgebung meines Wohnortes zu bewegen. Zwar wurde man gesehen und beobachtet und war der allseits auf dem Lande herrschenden Neugier und sozialen Kontrolle ausgesetzt. Dies geschah jedoch eher beiläufig, da die Leute sich bereits ein Bild von mir gemacht hatten.
Sicherlich wurde ich auch danach eingeschätzt und beurteilt, mit wem ich Umgang hatte, sprach und verkehrte. Manchen galt ich vielleicht als ramailo manche, freundlicher Mensch, hasne manche, jemand der gern lacht oder auch als ris uthne manche, einer, der schnell wütend wird, oder einfach als phota manche, Nichtsnutz. Rückmeldungen in dieser Richtung wurden jedoch nur selten auf direktem Weg vermittelt.
Aus der Summe von Tätigkeiten und Interaktionen, die man im Laufe der Zeit mit vielen Menschen im Distrikt in unterschiedlichen Situationen hat, ergibt sich ein Gesamtbild, das den Ruf einer Person, (ijjot) ausmacht. Man kann durch sein Verhalten dem eigenen Ruf oder dem Ruf eines anderen Schaden zufügen (beijjot gorna). Dabei geht es weniger um individuelle Gesichtspunkte, persönliche Eigenschaften und Vorzüge, sondern vor allem um Loyalitäten innerhalb der Einbindung in bestimmte Beziehungsnetze (aphno manche), bzw. um Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen. Dies ist im Hinblick auf unsere Untersuchung von Bedeutung, da ja auf der Grundlage solcher etablierter Verbindungen die Zuordnung der Forschenden durch die Beteiligten erfolgt.
Damit ist zugleich das legitime Interesse der Menschen vor Ort angesprochen, zu wissen, mit wem sie es zu tun haben. Fragen, die beim Eintreffen einer unbekannten Person im Dorf unweigerlich gestellt werden, sind etwa: »Wer ist das?«, »Wo kommt er her?«, »Was will er?« oder »Zu wem gehört er?«. Dabei geht es nicht allein um eine Identifizierung der Person als »Individuum«, sondern um die vermutete oder tatsächliche Zugehörigkeit zu einem definierten Gruppenzusammenhang. »Wer ist das?« – der Name kann Aufschluß über Kaste und Klan des Betreffenden geben und erlaubt Rückschlüsse auf seinen Beruf, mitunter auf seine sozialen Verbindungen. »Wo kommt er her?« – mit dieser Frage ist eine räumliche Zuordnung möglich, und man verbindet gewisse Vorstellungen und Phantasien mit dem Ort. »Zu wem gehört er?« – »In wessen Auftrag ist er hier?« – »Zu wem will er?« Darüber wird definiert, ob die Person freundlich oder feindlich gesinnt ist, das heißt: einem nützen oder schaden kann.
Solche scheinbaren Banalitäten erhalten im Kontext der nepalischen Gesellschaft, die in hohem Maße von sozialer Differenzierung geprägt ist, ein zunächst nicht erkennbares Gewicht. Man mag persönlich der netteste Mensch der Welt sein. Das Bild jedoch, das andere sich von der betreffenden Person formen, ist wesentlich von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie, Kaste, zu einem bestimmten Klan und den sich daraus ergebenden Beziehungen definiert. Dies spielt sowohl im Hinblick auf die Zuordnung und Einbindung in bestehende Hierarchien, auf Schutz und Unterstützung der jeweiligen Person eine Rolle, als auch im Hinblick auf eventuell erforderliche Ab- und Ausgrenzung.
Persönliche Qualitäten spielen in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle. Personen werden nicht in erster Linie als Individuen wahrgenommen, sondern im Hinblick auf bestehende Loyalitätsverpflichtungen. Entscheidend – auch für den Ruf und das Ansehen einer Person (ijjot) – sind die sozio-kulturell determinierten Bezugssysteme, in denen sie sich bewegt. Eine auf dieser Basis getroffene Zuordnung ist wesentlich daran beteiligt, in welcher Weise sich der Umgang mit der betreffenden Person gestaltet. Reaktionen bewegen sich auf der gesamten Bandbreite zwischen herzlicher Aufnahme, Indifferenz oder schroffer Ablehnung. Im Falle positiver Zuordnung öffnet sich unverhofft so manche Tür, im umgekehrten Falle kann der Aufenthalt im Dorf unangenehm oder unerträglich werden. ...
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