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Weibliche Perspektiven zur Schulerziehung

Bhimalas Vater macht einen kümmerlichen Eindruck. Er leidet an seiner Krankheit und scheint depressiv zu sein. Nach eigenen Angaben hatte er die Tochter zur Schule geschickt, um ihr bessere Chancen für die Zukunft zu eröffnen und zugleich ein Beispiel für andere zu geben, die ihre Töchter nicht in die Schule schickten.
Obwohl sich seine Nachbarn gelegentlich spöttisch über den schulischen Mißerfolg Bhimalas geäußert haben, hält er an der prinzipiellen Richtigkeit dieser Entscheidung fest. Doch die Enttäuschung darüber, daß seine Tochter das SLC nicht bestanden hat, ist ihm anzumerken. Er betont, daß andere nicht schlauer seien und das Bestehen oder Nicht-Bestehen der Prüfung eine Gunst des Schicksals sei. Auf Nachfragen trifft er die Feststellung, daß Mädchen grundsätzlich in der Schule benachteiligt sind, weil es fast nur Lehrer gibt und keine Lehrerinnen, an denen sie sich orientieren könnten. Er hätte Bhimala gerne weiter beim Schulbesuch unterstützt, aber dies sei ja nun nicht mehr möglich gewesen. Also habe er das getan, was in dieser Situation zu tun übrigblieb, und sie mit einem jungen Armeeangehörigen verheiratet.
In einer von Bhimala im Gespräch erinnerten Begegnung mit einem anderen Mädchen aus dem Dorf werden die Hindernisse eines solchen Schulbesuchs und die dadurch ausgelöste emotionale Betroffenheit in eindrucksvoller Weise sichtbar:

»Ich ging in die zehnte Klasse. Zu dieser Zeit hatte ich nicht eine einzige Freundin, die mit mir zur Schule ging. Ich hatte Angst, den weiten Schulweg ohne Begleitung zu gehen, denn wenn eine Frau einen weiten Weg allein geht, fangen die Leute vielleicht zu reden an. Eines Tages, als ich mich gerade auf dem Weg in die Schule befand, kam mir eine Freundin entgegen. Sie war aus meiner Nachbarschaft, aber sie ging nicht zur Schule. Ihre Eltern hatten sie nicht zur Schule schicken wollen. Denn sie sagten: »Was bringt es, wenn die Tochter zur Schule geht, sie wird eh in das Haus anderer ziehen und braucht nicht zu lernen«. Von ihr selbst habe ich das erfahren. Da habe ich sie auf diese Weise gefragt: »Macht es Dir keinen Spaß zu lernen?« Sie antwortete: Lernen, ja das macht mir Spaß, aber ... und dann brach sie in Tränen aus. Da kam mir folgender Gedanke: Nach der Schule werde ich die Tränen der nicht zur Schule gegangenen Schwestern trocknen, im Dorf bleiben und ihnen dort dienen (ma pordera bholi porsi asikchit mahila didi bahiniko asu puchne chu, gaunma bosera unihoruko seva garnechu).« (Interview B. Khatri, Thapachaur 1994)
Diese Schilderung zeigt, wie schwierig der Besuch einer weiterführenden Schule für Bhimala und andere Mädchen war und noch heute ist. Schon der tägliche Schulweg kann eine Erklärungs- und Rechtfertigungspflicht nach sich ziehen, da es für Mädchen und junge Frauen nicht üblich ist, allein und ohne Begleitung Wege außerhalb des eigenen Dorfes zurückzulegen. Ein weiterer oft zitierter Hinderungsgrund ist, daß Mädchen nach einer späteren Heirat ihr Elternhaus verlassen und in die Obhut der Familie ihres Mannes überführt werden und somit die Schulbildung zu einer »verlorenen Investition«für die Eltern wird.
Gleichzeitig enthält diese Passage eindringliche Hinweise darauf, wie stark die Frage des Schulbesuchs bzw. dessen Verhinderung durch patriarchalische Strukturen als ein konkreter Ausdruck der Benachteiligung der Mädchen und Frauen auch emotional besetzt ist. Bhimalas Freundin bricht in Tränen aus, als sie auf die Frage nach ihrem Lerninteresse gestoßen wird. Auch Bhimala reagiert mit großer emotionaler Betroffenheit. Sie schildert eine Art visionäre Berufung, die sie in diesem Moment verspürte. Für Bhimala hat die Schulerziehung, die sie als eine der wenigen Frauen in ihrem Dorf durchlaufen konnte, eine immense Bedeutung:
»Da ich in die Schule gehen konnte, habe ich ein wenig vom Licht der Bildung mitbekommen (sikchyako jyoti). Schulerziehung ist eine Sache, die zum Leben gehört, die beim Leben nicht fehlen darf; sie ist ein unschätzbares und unsichtbares Vermögen. Schulerziehung darf im menschlichen Leben nicht fehlen. Durch Schulerziehung kann der Mensch beim Betrachten einfacher Dinge zu großen Entdeckungen (aviskar) gelangen.« (ebd.)
Im Anschluß an ihre grundsätzlichen Aussagen zur Bedeutung der Schulerziehung gibt Bhimala das gesundheitspraktische Beispiel des Impfens, wobei sie erneut auf die bestehende Benachteiligung der Frauen hinsichtlich der Aneignung von Schulbildung eingeht:
»Auch im alltäglichen Leben kann die Schulerziehung sehr nützlich sein. Man lernt z.B., daß es wichtig ist, sein Kind zum Impfen zu schicken. Wenn man ungebildeten Frauen rät, ihr Kind zum Impfen ins Krankenhaus zu bringen, so antworten sie: »Warum sollen wir das tun? Wir sind doch selbst auch nicht hingegangen und leben noch!« Ein wichtiger Grund dafür ist, daß im Dorf Töchter geringere Wertschätzung erfahren als Söhne. Die Tochter wird meist nicht in die Schule geschickt, im Gegenteil, sie bekommt Verachtung zu spüren. (hela josto lagcha).« (ebd.) ...
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