Handel, Heirat, Religion...




Neben den Priestertätigkeiten hat Prakash eine Reihe von Vermittlertätigkeiten vom Vater übernommen, die er in der näheren und weiteren Umgebung seines Dorfes ausübt. Dazu zählt neben dem An- und Verkauf von Gold, Büffeln, Kühen usw. auch die Vermittlung von Heiraten, da er weit herumkommt und in vielen Dörfern über gute Kontakte verfügt:
»Von klein auf habe ich den Vater begleitet; ich konnte ihn bei der Arbeit sehen und ihm helfen. Auf diese Weise habe ich sehr viel von ihm gelernt. Die Kunden (jajman) meines Vaters lernten mich nach und nach gut kennen. Später, als er gestorben war, riefen sie mich, wenn sie einen Priester (purohit) brauchten oder sonst etwas zu erledigen hatten. Daher übe ich heute diese Tätigkeiten ebenfalls aus. Ich vermittle den Handel mit Gold auf den Dörfern und helfe beim An- und Verkauf von Büffeln, Kühen und Ochsen.« (ebd.)

Vermittlungsgeschäfte: Gold, Land,Vieh
»Die Rai besitzen viel Gold. Nehmen wir an, das Essen wird knapp, es gibt eine Hungersnot (anikal lagcha) und sie brauchen dringend Geld, um Essen zu kaufen. Dann kommen sie zu mir und sagen: »Bitte verkaufen Sie dieses Gold für uns!«. Bevor ich den Auftrag annehme, berechne ich erst genau, zu welchem Preis ich das Gold verkaufen kann. Dazu muß die Qualität bestimmt und das Gold gewogen werden. Wenn es Gold im Wert von 1000,- Rupien ist, mache ich dem Besitzer des Goldes klar, daß ich es nur für 800,- bis 900,- Rupien verkaufen kann. Erst wenn diese Frage geklärt ist, nehme ich es und gehe damit über die Dörfer. Wer gerade Gold braucht, kauft es. Da ich viel über die Dörfer komme, treffe ich auch Leute, die gerade Gold brauchen und mir sagen: »Bitte besorgen Sie uns Gold.« Auf diese Weise ist einerseits den Leuten geholfen, die gerade dringend Bargeld (nagad) benötigen, und andererseits denen, die ein Kaufinteresse haben. Wenn ich es schaffe, dem Verkäufer des Goldes das benötigte Geld zur verabredeten Zeit zu besorgen, erhalte ich eine kleine Aufwandsentschädigung. Der Käufer des Goldes zahlt ebenfalls eine Vermittlungsgebühr, so daß auch ich einen Vorteil von der Transaktion habe. Wenn die Angelegenheit zügig abgewickelt wird, sind die Leute zufrieden. Auf diese Weise habe ich sehr viele Gold- und Silbergeschäfte vermittelt und auch davon profitiert.« (ebd.)


Die Vermittlung von Nutztieren (Kühen, Ochsen, Wasserbüffeln) hingegen ist mühsam und für Prakash nach eigenen Angaben wenig lukrativ. In erster Linie gibt er Informationen darüber weiter, wer gerade an welchem Ort eine Kuh oder einen Zugochsen kaufen oder verkaufen will:
»Derjenige, der eine Kuh verkaufen will, bittet mich, einen Käufer zu finden. Leute mit Kaufinteresse fragen an, wo ein geeignetes Tier zu finden ist. Wenn von beiden Seiten eine Anfrage kommt, nehme ich denjenigen, der ein Tier kaufen möchte und bringe ihn zu dem potentiellen Verkäufer. Die Preisverhandlungen führen die Beteiligten selbst.« (ebd.)
Nicht selten wird er bei der Abwicklung solcher Geschäfte um Vermittlung und Schlichtung gebeten, wenn sich Käufer und Verkäufer nicht über den Preis einigen können:
»Wenn z.B. der eine sagt, er möchte 3500,- Rupien haben, der andere will aber nur 2800,- Rupien bezahlen, so sage ich dem ersten, er soll mit dem Preis auf 3200,- Rupien heruntergehen, und zum Käufer sage ich: das ist so ein gutes Tier, dafür muß man schon 3200,- Rupien ausgeben. So übe ich während des Handels Einfluß auf beide Seiten aus und versuche, eine Einigung herbeizuführen.« (ebd.)
Wenn es Prakash gelingt, einem Bauern einen Zugochsen zu vermitteln, so ist dieser zu einer Gegenleistung verpflichtet. Er muß z.B. einen Tag lang den Acker von Prakash unentgeltlich pflügen. Eine solche Gegenleistung ist für Prakash eher symbolische Geste als angemessener Ausgleich für seine Bemühungen. Nicht immer gehen nämlich solche Transaktionen reibungslos vonstatten und Vermittlungen, die seine Kunden nicht zufriedenstellen, können rufschädigende Folgen für ihn haben:
»Das Vermitteln von Tieren ist keine sehr dankbare Aufgabe. Es gibt mitunter Komplikationen – z.B., wenn ich eine Büffelkuh vermittelt habe, und es stellt sich nachträglich heraus, daß sie nur wenig oder gar keine Milch gibt. Dann kommt der Käufer wütend zu mir und beschwert sich.« (ebd.)

Heiratsvermittlungen und religiöse Feste
Hochzeiten finden hauptsächlich in den Monaten Mangshir, Magh, Phalgun und Push statt. Die damit verbundene Vermittlungstätigkeit geschieht beiläufig und ist umsonst. Takt, Menschenkenntnis und Diskretion sind wichtige Eigenschaften des Vermittlers, der seine eigenen Kontakte und Verbindungen nutzen und über erfolgreiche Vermittlungen neue Beziehungsnetze herstellen kann, die ihm selbst wiederum zu einem späteren Zeitpunkt nützlich sein können.
»Ein Mann mit Tochter im heiratsfähigen Alter bittet mich, nach einem guten Ehemann für sie Ausschau zu halten. Eltern suchen eine Braut für ihren Sohn und fragen mich: ›Wo gibt es ein gutes Mädchen für unseren Sohn?‹ Wenn sich auf beiden Seiten Interesse ergibt, schaue ich mir die Sternzeichen an und lege einen günstigen Termin für die Hochzeit fest.« (ebd.)
Wenn beide Parteien einverstanden sind, findet die Hochzeit statt. Die Vermittlung solcher Hochzeiten verläuft heutzutage etwas schwieriger als früher. Inzwischen spielt auch bei der Heiratsvermittlung die Frage der Schulbildung eine größere Rolle. Wenn beide die Schule besucht haben, gibt es kaum Probleme. Falls nur der Junge in der Schule war und das Mädchen nicht, so kann es sein, daß er sie ablehnt. Wenn ein junger Mann aus hoher Kaste mit geringer Schulbildung heiraten will, kann es sein, daß er großes Gespött auf sich zieht. Prakash gibt das Beispiel von einer Hochzeit, auf der er vor kurzem anwesend war. Als der Bräutigam auf die Frage, bis zu welcher Klasse er denn die Schule besucht habe, mit einem unartikulierten »five« (engl. fünf) antwortete, soll er grölendes Gelächter der anwesenden Jugendlichen geerntet haben.
Zu den besonderen Ereignissen seiner Priestertätigkeit zählen die Besuche zahlreicher religiöser Feste (jatra) und Jahrmärkte (mela). Zweimal jährlich findet in Halesi, einer weithin bekannten Pilgerstätte, das größte Hindufest in der Gegend statt, zu dem sich Tausende Besucher von nah und fern versammeln, um in einem in einer großen Höhle gelegenen Shiva Tempel zu beten und an dem dort stattfindenden festlichen Teiben teilzunehmen. Prakash gibt eine sehr anschauliche Schilderung seiner Reise dorthin und läßt uns auf diese Weise am dortigen Geschehen teilhaben.

»Letzten Samstag bin ich nach Halesi gelaufen. Da ich unterwegs viele Bekannte traf, bin ich große Umwege mit ihnen gegangen. Als ich in Moli am ghat von Belutar, wo es eine kleine Brücke gibt, den Fluß überquerte, hatte ich etwa zehn kosh (etwa 25 km) zurückgelegt. Ohne etwas gegessen zu haben und sehr hungrig traf ich am späten Abend in Halesi ein. Dort habe ich noch in der Nacht Opfergaben dargebracht und spirituelle Verbindung zu Gott aufgenommen (dorson goriyo). Anschließend habe ich gegessen. In einer Ecke der Tempelanlage wurde gesungen und getanzt. Sängerinnen traten auf, Würfelspiele wurden gespielt, das habe ich mir eine Zeitlang angeschaut. Insgesamt waren 2000 bis 3000 Leute dort. Das war Samstag Nacht.
Am Sonntag bin ich ganz früh aufgestanden, habe gebadet und mich gereinigt. Anschließend bin ich im Tempel vor Gott getreten und habe Yoghurt und andere Opfergaben dargebracht. Als ich damit fertig war, wurde ich von meinen eigenen Klienten (jajaman) damit beauftragt, rudri-Zeremonien für sie zu veranstalten und ich habe mit spiritueller Kraft (shakti) für sie gelesen. Leute, die ihren Vater und Mutter verloren haben, baten mich, ihnen die Namen ihrer Eltern zu lesen, Hymnen zu singen oder Yoghurt und andere Opfergaben darzubringen. Für andere sollte ich um die Gesundheit ihres Sohnes, oder um Gottes Treue (bhor) und Gnade bitten. Dies ging so den ganzen Tag und auch am Montag.
Am Dienstag hielt ich mich den ganzen Tag im Bazar auf, nachdem ich drei, vier rudri gelesen hatte. Ich bin dort im großen, sehr schmutzigen Bishal Bazar umhergelaufen. Dort fanden öffentliche Kundgebungen statt und es gab viel zu sehen. Es gab welche, Rai, die das Christentum verkündeten, andere warben für politische Parteien. An einem großen Platz wurden Schweine abgestochen, an anderen Plätzen Büffel, Ziegenböcke und Hühner in großer Anzahl geschlachtet. Zahllose Menschen aßen in den örtlichen Hotels und Teashops, und es gab viele Stände und Geschäfte, wo man fast alles kaufen konnte: Kleidung, landwirtschaftliche Werkzeuge, Haushaltsgegenstände usw.. Es waren viele Händler aus dem Tarai dort, deren Sprache ich nicht verstand. Daher weiß ich nicht, was sie miteinander redeten und ob sie es gut mit mir meinten oder nicht.
Am Mittwoch war Ramnavami, Rams Geburtstag, und überall herrschte ein unglaubliches Gedränge. Von weit her waren die Menschen gekommen und hatten sich dort versammelt. Es wurden Lobpreisungen abgehalten und ich las den ganzen Tag rudri. Auch meine Brüder waren gekommen. In der Nacht schauten wir dem regen Treiben des Festes (mela) zu. Manche warfen Ringe und verloren, manche würfelten und verloren – keiner gewann.
Am Donnerstag las ich wieder einige rudri, aber an diesem Tag waren meine Einnahmen nicht so gut wie am Tage zuvor. Ich ging nochmals in den Tempel, brachte einige Gaben dar und verabschiedete mich. Ich sagte, ich werde im Monat Mangsir nicht kommen, und machte mich auf den Heimweg. Ich hatte in den letzten zwei, drei Tagen keine Reismahlzeit gegessen, da es im Bazar sehr schmutzig war, überall Exkremente und Kot. Der Tempel selbst ist gepflegt und sauber, der Schrein des Shiva ist gut instandgehalten.
Auf dem Rückweg fand ich zunächst keine Stelle, an der ich den Fluß überqueren konnte, und es war auch niemand da, den ich fragen konnte. Ich hatte nichts gegessen, und kannte dort niemanden. Schließlich, als es schon fast dunkel war, traf ich ein kleines Mädchen, das mir eine Stelle zeigte, wo ich den Fluß überqueren konnte. Es war neun Uhr geworden, als ich endlich in Bhelgari eintraf. Es war sehr steil dort, wie in einem Felsen, wo die Bienen wohnen, weit und breit kein Haus, und es gab keine Übernachtungsmöglichkeit. Ich mußte also weitergehen, lief auf einem ganz schmalen Pfad und kam nachts um zehn Uhr an ein Haus. Es stellte sich heraus, daß es das Haus eines Kujaat, eines Kami war. Es steht geschrieben: ein Brahmane darf nichts von einem Kami nehmen, aber ich wäre beinahe soweit gewesen, dort etwas zu essen. Stattdessen habe ich mich nach dem Weg zum nächsten Brahmanenhaus erkundigt und bin weitergezogen. Dort habe ich übernachtet, auch gegessen, aber es war sehr schmutzig.« (ebd.)
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