Motivation zur Schulerziehung



Nach Ende der zehnten Klasse legte Prakash zum ersten Mal die SLC-Prüfung ab. Er scheiterte in drei Fächern und nahm danach zwei weitere Male an der Wiederholungsprüfung teil. Jedesmal ist er in mehreren Fächern gescheitert. Nach den Gründen für sein hartnäckiges Beharren auf einen erfolgreichen SLC-Abschluß befragt, gibt er folgende Erklärung:
»In unserer Brahmanengesellschaft gibt es in jedem Haus mindestens zwei, drei, die das SLC bestanden haben. Es besteht da eine Art Wettbewerb untereinander, zwischen den Freunden und Nachbarn im Dorf. Wenn ich den Fortschritt dieser Freunde beim Lernen betrachte, möchte ich gern mit denen mithalten, ebenfalls solche Lernfortschritte machen. Im Dorf fangen sie an, ein wenig über mich zu spotten. Manche sagen: ›Obwohl der alle paar Jahre zur SLC-Prüfung geht, hat er es bis heute nicht geschafft.‹« (Interview P. Dahal, Lamidada 1993)
Prakash sieht, daß er aufgrund seiner Verantwortung als Haushaltsvorstand stark in seinen Lernmöglichkeiten eingeschränkt ist. Gleichwohl möchte er seine Schulausbildung fortsetzen und wenn möglich erfolgreich abschließen, denn
»obwohl ich sehr viel Arbeit und Verantwortung habe, habe ich großes Interesse am Lernen.« (ebd.)
Auf Nachfrage gesteht er ein, daß dieses Bestreben eine zeitlang auch vom Wunsch nach einer späteren Anstellung ( jagir ) motiviert war. Diesen Wunsch hat er angesichts der hohen Anzahl schulisch Gebildeter mit SLC-Abschluß inzwischen aufgegeben. Hauptmotiv für seine weiteren Bildungsanstrengungen ist der Ehrgeiz, mit seinen Freunden im Dorf gleichzuziehen:
»Ich habe mich entschieden, wieder mit der Schule anzufangen und nochmals die zehnten Klasse zu wiederholen, da ich mein Wissen erweitern und auf den gleichen Wissensstand kommen möchte, wie meine Freunde.« (ebd.)
Neben der Möglichkeit allgemeiner Wissensaneignung sieht er auch praktische Vorteile von Schulerziehung, z.B. für die Landwirtschaft: man lerne, wie der Kunstdünger auszubringen sei und welche Produkte zu welcher Jahreszeit anzubauen seien; auch über Tiergesundheit erführe man einiges, sowie über häusliche Hygiene. Prakash hat schon mehrfach an der SLC-Prüfung teilgenommen und erzählt von der letzten wie folgt:
»Mein SLC lief nicht gut. Ich bin wieder durchgefallen, weil ich schlecht vorbereitet war und die Prüfung streng überwacht wurde ( korda jaajh bhayo ). Die Aufsicht hat nicht zugelassen, daß gemogelt wurde. Von allen Prüfungsfächern war Nepali mein bestes; da konnte ich schreiben, ohne nach links oder rechts zu schauen. Aber Englisch und Mathematik, das lief nicht gut. In den anderen Fächern habe ich bestanden. Meine häusliche Situation erlaubt mir nicht, mich ganz auf das Lernen zu konzentrieren und täglich zu lernen, da ich verschiedene andere ›Berufe‹ ( peshahoru ) ausübe. Wegen der Landwirtschaft ( kheti ), der Priestertätigkeit ( purohiyeta ) und anderer Geschäfte bin ich durch die Prüfung gefallen.« (ebd.)
Prakash läßt indirekt seine Bereitschaft erkennen, bei einer sich bietenden Möglichkeit auch durch Mogeln zu seinem Ziel zu gelangen. Es ist ihm wichtig, den Schulabschluß zu erhalten, nicht jedoch wie das geschieht – zumal auch in seinem Freundeskreis das Mogeln eine akzeptierte Praxis ist. Prakash steht mit zwei Beinen im Leben, hat Besitz, Status und Ansehen; das SLC ist ein erwünschtes Beiwerk, das an seiner übrigen Lebenssituation nicht viel ändert, nicht im positiven und auch nicht im negativen Sinne.
  voriger Text nächster Text